Was zuerst wie ein schlechter Scherz klingt, ist in Wahrheit eine essentielle, lebensverändernde Erkenntnis, die man in dieser Form vielleicht nur unter den Extrembedingungen der Haft erlangen kann.
Für jeden Menschen, der noch nie in Haft war, ist es schwer vorzustellen, was 23 Stunden Isolation vor der Welt bedeuten – vor allem die mentale Komponente ist enorm: Haft ist dazu angetan, sogar einen gesunden, glücklichen Menschen an seine Grenzen zu bringen. Oft sogar leider noch darüber hinaus. Wer es da nicht schafft, für sich ganz persönlich ein effektives Gegengewicht zu finden, steht auf verlorenem Posten.
Herauszufinden, dass genau so ein Gegengewicht tatsächlich existiert, war für mich sehr erstaunlich. Es ist etwas, das mentale wie physische Stärkung verbindet und auch noch den einzigen Vorteil ausnutzt, den Haft einem Insassen bietet. Nämlich den Umstand, viel Zeit zu haben.
Die Rede ist von Yoga – jene fernöstliche Praxis, die in diffusen Formen in aller Munde ist und die es vermag, einem Gefängnisaufenthalt ein grosses Stück Würde und Selbstachtung zurück zu geben.
Ich habe, wie die meisten Häftlinge, ganz vorne ohne jede Vorkenntnis angefangen. Zuerst einmal Rauskommen aus der Enge und Abgeschiedenheit der Zelle – hinein in Etwas, das sich tatsächlich als fundierter und anspruchsvoller Yogakurs entpuppen sollte. Eine kleine Gruppe von mal zwei, mal vier Häftlingen, jeder für sich und doch irgendwo als motivierte Gruppe vereint. Und in der Mitte ein engagierter, erfahrener Yogalehrer, der die Ruhe ausstrahlt, zu motivieren und gleichzeitig ordentlich anzuleiten – und das in dem wohl schwierigsten denkbaren Umfeld.
Vermutlich stellen Yoga und Gefängnis ein extremes Paar von Gegensätzen für die meisten Menschen dar. Derweil ergänzen sie sich auf hervorragende Art und Weise. Yoga, das denjenigen, der Ausdauer und innere Motivation mitbringt, mit der Zeit in die Lage versetzt, sich immer weiter vom Joch des eigenen unruhigen Geistes zu befreien und einen selbst so wieder stärker zum Lenker des eigenen Geschicks (besonders auf mentaler Ebene) macht, ist der Schlüssel, um auch unter den widrigsten Umständen gut und gelassen existieren zu können. Für Viele wird es zur einzigen Gelegenheit, die Gedanken etwas frei zu bekommen; besonders hinter Gittern gewinnt man viel, wenn man Stellungen (Asanas genannt) an der Hand hat, um ein mehr an Ruhe zu finden, das eigene Schicksal bereitwilliger anzunehmen und gleichzeitig etwas Entlastendes für Rücken und Gelenke machen kann.
Wenn man über einige Monate dabeibleibt, gewinnt man neben Gesundheit auch den Schlüssel für einen Ausbruch nach Innen. Yoga kann dem Tag Struktur geben und liefert viele Anreize für persönliche (Weiter-)Entwicklung.
Letztendlich ist Yoga vielleicht die einzige Aktivität, die im Gefängnis neben Sinn stiften auch eine breite Basis für die Reflexion der eigenen Situation bietet.
Gefängnisse, die dies anbieten, geben ihren Insassen eine unerwartete, aber sehr effektive Gelegenheit, für sich selbst etwas Wertvolles zu erschliessen und eine tiefgehende Beschäftigung – ja Berufung – zu finden, die auch über die Haftzeit hinaus bereichern kann.
Alles, was man für Yoga benötigt, passt problemlos in eine Zelle – und dort tut auch der Gewinn an Selbstdisziplin ausgesprochen gut.
Altach, am 03.03.2023 O.H.
